Hier werden vorab für alle Interessierte in loser Folge Auszüge aus dem Buch
veröffentlicht
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt uns ein Auszug über den Abschnitt
vor, der uns freundlicherweise vom Mitautor Oberst Herzig, Wolfgang, zur Verfügung gestellt wurde.
Leseprobe zum Beitrag ChD der GT:
Diese Periode ist gekennzeichnet durch den Übergang von der Brigadestruktur zur Schaffung der Grenzkommandos. An der Grenze zur BRD wurden aus dem Bestand der 3., 5. und 7. Grenzbrigade das Grenzkommando NORD (KALBE/M. und später STENDAL) und aus dem Bestand der 9., 11. und 13. Grenzbrigade das Grenzkommando SÜD (ERFURT) formiert. Die Stadtkommandantur BERLIN wurde in das Grenzkommando MITTE (BERLIN) umstrukturiert.
Damit verfügten die Grenztruppen wieder über strukturmäßige Einheiten des Chemischen Dienstes (KChA-26). Diese bestanden in der Kompanie chemische Abwehr-26 und den Flammenwerferzügen der Grenzregimenter. Die Grenzabschnitte zur VR Polen und zur CSSR blieben erhalten. Die Grenzbrigade Küste blieb dem Kommando der Volksmarine unterstellt.
Neben den 3 Grenzkommandos, die über 5 bis 7 Grenzregimenter und 1 bis 2 Grenzausbildungsregimenter und den entsprechenden direkt unterstellten Sicherstellungs- und Spezialeinheiten verfügten, gab es noch 2 Lehreinrichtungen, die Offiziershochschule der Grenztruppen „Rosa Luxemburg“ (PLAUEN, später SUHL) und die Unteroffiziersschule VI „Egon Schultz“ (PERLEBERG).
Geführt wurden die Verbände und Lehreinrichtungen durch das Kommando der Grenztruppen (PÄTZ).
Bei der Betrachtung des Chemischen Dienstes muss differenziert vorgegangen werden, da besonders das Grenzkommando MITTE sich sowohl in der Struktur als auch in den Aufgaben von den beiden anderen Grenzkommandos unterschied.
Im Kommando der Grenztruppen, organisatorisch dem Stellvertreter des Chefs Grenztruppen und Chef Ausbildung unterstellt, arbeitete die Abteilung Chemische Dienste, geführt durch den Chef Chemische Dienste. Zum Bestand der Abteilung gehörte die Unterabteilung operative Arbeit/Ausbildung und die Arbeitsgruppe materiell-technische Sicherstellung. Die Auswerte-, Rechen- und Informationsgruppe-16 (ARIG-16), eigentlich eine direkt unterstellte Einheit war führungsmäßig dem Chef Chemische Dienste unterstellt. Insgesamt arbeiteten in der Abteilung Chemische Dienste 6 Offiziere, 2 Berufsunteroffiziere und 3 Zivilbeschäftigte. Der Techniker Chemische Dienste des Stabes des Kommandos, ein Fähnrich, war gleichzeitig der Dosimetrist des Stabes.
In den Grenzkommandos NORD und SÜD gab es je eine Unterabteilung Chemische Dienste, die vom Leiter Chemische Dienste (LChD) geführt wurde. Wie im Kommando der Grenztruppen war die Unterabteilung dem Bereich des Stellvertreters des Kommandeurs für Ausbildung zugeordnet. Die Auswerte-, Rechen-und Informationsgruppe (ARIG 25 und ARIG 27) wurde durch den LChD geführt. Zum Bestand der Unterabteilung gehörten 3 Offiziere, 1 Berufsunteroffizier und ein Zivilbeschäftigter. Der Techniker Ch des Stabes unterstand dem Stabskommandanten und erfüllte ebenfalls die Aufgaben der Personendosimetrie.
Die Unterabteilung Chemische Dienste des Grenzkommandos MITTE (GKM) unterstand dem Kommandeur direkt. Im Unterschied zu den beiden Grenzkommandos an der Staatsgrenze zur BRD verfügte das GKM über eine Kompanie chemische Abwehr (KChA-26, GROß GLIENICKE), die dem LChD führungsmäßig unterstellt war. Die 6 Grenzregimenter verfügten über je einen strukturmäßigen Flammenwerferzug in einer Stärke von 1/3/24 (später durch den Wegfall des Zweitschützen 1/3/15). Die Ausbildung der Flammenwerferschützen erfolgte in den Grenzausbildungsregimentern im Rahmen eines nichtstrukturmäßigen Flammenwerferzuges. Das Artillerieregiment und die Geschoßwerferabteilung verfügten über je eine strukturmäßige Gruppe zur KC- Aufklärung, die in der jeweiligen Stabskompanie geführt wurden. Alle diese Einheiten wurden durch den jeweiligen Oberoffizier Chemische Dienste geführt.
In den Grenzregimentern und Grenzausbildungsregimentern wurde der Oberoffizier Chemische Dienste (OOChD) durch den Stellvertreter des Kommandeurs für Ausbildung geführt. Dem Oberoffizier unterstand ein Schirrmeister Ch (Berufsunteroffizier), ein Lagerverwalter (Berufsunteroffizier) und ein Mechaniker (Zivilbeschäftigter).
Im GüSt-Sicherungsregiment, dem Nachrichtenbataillon und der Geschosswerferabteilung des GKM erfüllte ein Techniker Ch (Fähnrich) die Aufgaben des Chemischen Dienstes.
1971 wurde der Offiziersschule der Grenztruppen der Status einer Hochschule verliehen. Damit wurde der Lehrkörper des Ausbildungsfaches zur Fachgruppe erhoben. Durch die Fachlehrer wurden die entsprechenden Qualifikationen (Abschluss Hochschulstudium, facultas docenti) erworben und damit die Voraussetzungen für die Hochschulausbildung geschaffen.
An der Unteroffiziersschule wurde die Ausbildung der Unteroffiziersschüler durch die Fachgruppe Schutzausbildung sichergestellt.
Im betrachteten Zeitraum verbesserte sich der Ausbildungsstand der Offiziere des Fachdienstes weiter.
Mehrere Offiziere beendeten ein Studium an der Militärakademie für Chemischen Schutz in MOSKAU (Dipl.-Ing.,
ab 1979 Dipl.-Mil.), an der Militärakademie in Dresden (Dipl.-Mil.) oder schlossen ein Fernstudium an einer
zivilen Hochschule (Dipl.-Chem., Dipl.-Paed.) ab und wurden in verantwortlichen Funktionen im Kommando der
Grenztruppen, den Grenzkommandos und den Lehreinrichtungen eingesetzt. Absolventen der Offiziershochschule
der Landstreitkräfte, Sektion Chemische Dienste, wurden besonders im Grenzkommando MITTE, als Zugführer in der
KChA-26 oder in den Flammenwerferzügen, eingesetzt. Die Planstellen der Oberoffiziere Chemische Dienste in den
Unterabteilungen Chemische Dienste der Grenzkommandos und in den Truppenteilen waren fast ausschließlich
mit ausgebildeten Offizieren des Chemischen Dienstes besetzt. Die Offiziere verfügten alle über die Berechtigung
zum Umgang mit Giften und hatten erfolgreich entsprechende Qualifikationslehrgänge als Strahlenschutzbeauftragte
am Staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz (SAAS) absolviert.[...].
[...] Mit der Einführung eines neuen Stellenplanes in den Grenztruppen wurde die Dienststellung des Lagerverwalters in Lagerverwalter/Militärkraftfahrer umgewandelt. Bis zur Übernahme der Werkstätten WPSA, beginnend ab 1981, wurden ab 1977 als Ersatzausrüstung LKW W 50 eingesetzt. Dadurch wurde der Zustand der Ausrüstung weiter verbessert, denn nun war es möglich, die größtenteils Kompanieweise dislozierten Einheiten regelmäßig aufzusuchen und sogenannte Kompaniewartungs- und Instandsetzungstage Ch durchzuführen.
Die Ausbildung der Offiziere in den Einheiten, Truppenteilen und Verbänden beschränkte sich nicht mehr nur auf die reine Schutzausbildung sondern umfasste auch den Bereich der Organisation des Schutzes vor Massenvernichtungsmittel für den jeweiligen Zuständigkeitsbereich.
Die Grenztruppen entsandten jedes 2. Jahr einen Offizier zum Studium an die Militärakademie für Chemischen Schutz nach MOSKAU. Damit wurde gewährleistet, dass im Kommando der Grenztruppen, in den Stäben der Verbände und an der OHS die Dienststellungen mit hochqualifizierten Offizieren besetzt werden konnten.
Insgesamt schlossen in diesem Zeitraum 9 Offiziere ein Studium an der Militärakademie in MOSKAU (Major Töpfer, Major Herzig, Hauptmann Schrader), der Militärakademie DRESDEN (Major Reuß, Major Wesner, Major Voigt) oder an zivilen Hochschulen (Major Großmann, Major Stoll, Hauptmann Peter) ab.
In den Stäben der Truppenteile wurden aus dem Bestand der Offiziere nichtstrukturmäßige Auswertegruppen gebildet und regelmäßig durch die OOChD geschult[...].
[...] Eine gesonderte Betrachtung sollte in diesem Abschnitt dem Grenzkommando MITTE und da wiederum der KChA-26 gelten. Mit der KChA-26 und den Flammenwerferzügen verfügten die Grenztruppen erneut über strukturmäßige Einheiten der Chemischen Abwehr. Die KChA-26 wurde am 01.06.1965 auf Befehl des Ministers für Nationale Verteidigung gebildet. Neben den Zügen zur KC Aufklärung und Spezialbehandlung verfügte sie über Werkstätten für die PSA, Geräte zur KC-Aufklärung und Flammenwerfer sowie über ein radiologisch-chemisches Labor.
Die Ausrüstung mit Spezialtechnik Ch wurde ständig vervollkommnet. So wurde das Aufklärungsfahrzeug P 3 durch den SPW PSH ersetzt. Dieser SPW wurde in Ungarn produziert und war mit einem IKARUS – Busmotor ausgestattet. Auf Straßen erreichte er eine Geschwindigkeit von mindestens 100 km/h und fuhr damit allen anderen Militärfahrzeugen ohne Probleme davon. Damit wurde die Kampfkraft und Mobilität der Kompanie wesentlich erhöht. Da der PSH in seiner Grundausstattung nicht für die KC-Aufklärung vorgesehen war, wurden durch Neuererkollektive der Kompanie die Voraussetzungen geschaffen, damit er in seinen Eigenschaften den in den Landstreitkräften genutzten SPW 40Ch in nichts nachstand. Als Beispiel soll hier nur die Anpassung des Fähnchenschießgerätes dienen. Damit war auch die Markierung befallener Abschnitte aus dem SPW heraus möglich, ohne dass es zu einer Kontaminierung des Innenraumes oder des Personalbestandes gekommen wäre.
Auch die Geräte zu KC-Aufklärung wurden ständig an die gestiegenen Anforderungen angepasst.
Als Beispiel soll der automatische Kampfstoffanzeiger dienen: hier geht die Entwicklung vom GSP 1 M bis hin zum GSP 11. Gleiches trifft auf die Technik zur Spezialbehandlung zu. Die anfangs eingesetzten Fahrzeuge ARS 12 U wurden durch den weiterentwickelten ARS 14 ersetzt, die doch etwas umständliche Duschanlage DA 2 S wurde ersetzt durch die Duschanlage DA 66 und später DA 11. Eine neue Qualität bei der Durchführung der Spezialbehandlung wurde mit der Einführung der TZ 74 erreicht. [...]
[...] Einen besonderen Höhepunkt stellte die vollkommen überraschende Verlegung eines Zuges der KChA an die Westgrenze nach Schöneberg im Jahr 1979 dar. Auf westlicher Seite war Kampfstoffmunition aus dem 2. Weltkrieg gefunden worden. Zur rechtzeitigen Aufklärung einer möglichen Vergiftung wurde dieser Zug in unmittelbarer Grenznähe eingesetzt, während ein Zug der KChA der 8. MSD außerhalb des Grenzgebietes eingesetzt war. Ein durchgeführter Erfahrungsaustausch mit dem Zug der Landstreitkräfte zeigte, dass dieser einen solchen Ausbildungsstand und hervorragenden Zustand der Technik nicht erwartet hatte.
Weitere wichtige Ereignisse waren die im Grenzkommando SÜD durchgeführten Übungen. Hier konnte die KChA ihren hohen Ausbildungsstand unter Beweis stellen und erwarb sich viel Anerkennung sowohl bei den beteiligten Offizieren des Chemischen Dienstes als auch bei den Grenzern des GKS. Als Kompaniechefs der KChA-26 waren u.a. Hauptmann Tiedemann, Hauptmann Leonhardt, Hauptmann Herrmann eingesetzt. [...]
[...]
Diese Etappe ist gekennzeichnet einerseits von der weiteren Vervollkommnung der Ausrüstung, von Höhepunkten in der Ausbildung aber auch von der Auflösung im Jahr 1990.
Im Jahr 1982 verstarb in Folge eines tragischen Unfalls der Chef Chemische Dienste der Grenztruppen, Oberst Heinz Matter. Die genauen Ursachen dieses Unfalls wurden nie geklärt. Durch seine Tätigkeit hat er die Entwicklung des ChD der Grenztruppen entscheidend geprägt. Auch die sich anbahnenden Änderungen in den Strukturen tragen seine Handschrift. Mit Oberst Matter verloren die Grenztruppen einen engagierten und allseits geachteten Chef Chemische Dienste.
Einen Meilenstein stellte die im Stellenplan (Soll 2) festgelegten Züge Chemische Abwehr und deren Ausrüstung mit Spezialtechnik Ch dar. Beginnend 1982 wurde in den Stäben der Verbände und Truppenteile Technik zur Spezial- und sanitären Behandlung eingeführt. Begonnen wurde mit der DA 66 und der EA 64, die aber in den Folgejahren durch modernere Anlagen (DA 11 und EA 12) ersetzt wurden. Zusätzlich wurden die Fahrzeuge zur Spezialbehandlung ARS 14 übernommen. 1984 war die Ausstattung mit Spezialtechnik Ch abgeschlossen. Zur Durchführung der KC Aufklärung wurden UAZ 469 Ch eingesetzt[...]
[...] In zahlreichen Lehrvorführungen und Teilnahmen an Truppen- und Erprobungsübungen stellten die "Chemiker" ihren hohen Ausbildungsstand unter Beweis. Als Beispiel soll hier nur die Übung "Westnik 84" dienen. Lehrfilmreif wurde hier vor dem Minister für Nationale Verteidigung der massierte Einsatz von Flammenwerfereinheiten im Ortskampf demonstriert. Neue Elemente, wie der Behältertausch für den LPO 50 unter "Gefechtsbedingungen", aber auch die Untersuchung der Abhängigkeit der Reichweite der LPO in Abhängigkeit von der Viskosität des Brandgemisches führten dazu, dass sowohl in der Ausbildung als auch bei der Gemischbereitung neue Normative aufgestellt werden konnten. Im Verlaufe dieser Lehrvorführung wurden auch die im Rahmen eines Neuerervorschlages entwickelten Aufsätze auf die MPi zum Abschuss von Nebelkörpern erprobt und zeigten sehr gute Ergebnisse. So war es möglich, schnell Nebelwände in einer Entfernung von 80 bis 100 m zu schaffen[...]
[...] Das Jahr 1986 hielt für den Chemischen Dienst eine weitere Bewährungsprobe bereit: Der Unfall im Kernkraftwerk TSCHERNOBYL wirkte sich auf die Arbeit der Abteilung ChD im Kommando der Grenztruppen und der Unterabteilungen in den Grenzkommandos aus. Dem Personalbestand der Grenztruppen mussten die Grundsätze zur Auswertung von Kernstrahlungslagen bei nuklearen Unfällen in Kernkraftanlagen vermittelt werden. Aber auch praktische Arbeiten wie die Kontrolle von grenzüberschreitenden Transportgütern auf radioaktive Kontamination waren an der Tagesordnung.
In diesem Zeitraum beendeten weitere Offiziere ihr Studium an der Militärakademie MOSKAU (Major Windrich, Major Hain, Major Berner), der Militärakademie DRESDEN (Major Pinick, Major Fredersdorf) oder an zivilen Hochschulen (Oberstleutnant Guhde).
Seit 1971, mit der Neustrukturierung der Grenztruppen, waren als Leiter Chemische Dienste in den Grenzkommandos eingesetzt:
Verantwortlich für die Ausbildung im Schutz vor Massenvernichtungswaffen an der OHS der Grenztruppen waren Oberstleutnant Mikolajetz und später Oberstleutnant Guhde mit den Fachlehrern Major Reuß, Major Wesner und Oberstleutnant Berner.
An der Unteroffiziersschule VI in Perleberg waren für die Schutzausbildung verantwortlich: Oberstleutnant Büchner, Oberstleutnant Fredersdorf, Oberstleutnant Pinick
Die Abteilung Chemische Dienste im Kommando der Grenztruppen wurde geführt durch Oberst Matter, Oberst Töpfer (bis zur Fahnenflucht) und Oberstleutnant Hain.[...]
Im bis Ende dieses Jahres geplanten Buch „Gedanken zur Geschichte des Chemischen Dienstes“ wird der Chemische Dienst umfassend beschrieben. Mit dieser Publikation wird erstmals eine umfangreiche Betrachtung des ChD dem interessierten Leser vorgelegt.
Oberst Herzig, Wolfgang, Berlin, September 2011